Ein Stück Zeitgeschichte am Althangrund: Der bekannte Militärhistoriker, Dr. Marcello La Speranza, hat uns diesen fesselnden Beitrag dankenswerterweise zur Verfügung gestellt. Im 2. Weltkrieg gebaut, vergessen und im Zuge von Bauarbeiten 1996 wieder aufgetaucht: der Tiefbunker unter dem Franz-Josef-Bahnhof auf Höhe der Parkgarage in der Nordbergstrasse. Dr. La Speranza war nicht nur dabei sondern auch im Bunker, in dem einige Fotos entstanden. Die Tiefbunker waren in der Regel etwa 750qm groß,  2,40m hoch und in zahlreiche kleinere Räume unterteilt.

von Dr. Marcello La Speranza

Bahnhöfe „Luftgefährdete Anlagen“

Zu den primären Zielen der amerikanischen Luftstreitkräfte zählten neben den Industrie- und Rüstungsbetriebe auch die Verkehrsknotenpunkte, wie die Bahnhöfe Wiens. Die Amerikaner versuchten mittels Präzisionsangriffen auch die Gleisanlagen zu zerstören. Dass dabei auch das urbane Umfeld bombardiert wurde, nahmen die Bomberverbände in Kauf.

Der im 9. Bezirk befindliche Franz Josefs Bahnhof zog natürlich ebenso die schweren US-Bomber an, die 1944/45 aus Italien kommend, die „Gauhauptstadt Wien“, angriffen. Die Stadt bereitete sich schon im Vorfeld auf die zu erwarteten Luftangriffe vor. Bereits 1941 wurde von der Stadtverwaltung mit dem Bau von luftschutzsicheren Bunkeranlagen begonnen. An öffentlichen, stark frequentierten Plätzen war es besonders notwendig Schutzräume einzurichten. Die Richtlinien kamen aus Berlin und wurden direkt dem Reichsstatthalter und dem Reichsbauamt vorgelegt. Grundlegend waren die „Bestimmungen für den Bau von Luftschutzbunkern“, die im deutschen Reich zur Anwendung kommen sollten. Nacheinander erhielten die behördlichen kommunalen Stellen in Wien ihre Anweisungen. Dass Verkehrsanlagen als „stark luftgefährdete Anlagen“ anzusehen sind, geht auch aus einem Rundschreiben aus Berlin (Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe) vom 22. September 1942 hervor: Punkt „ e) Verkehrsanlagen von grösserer Bedeutung und Ausdehnung (z. B. grosse Personenbahnhöfe, Güter-, Abstell- und Verschiebebahnhöfe; wichtige Abzweige- und Kreuzungspunkte sowie wichtige Brücken in der Streckenführung der Eisenbahn, der Wasserstrassen und Reichsautobahnen; …“ (Staatsarchiv, Archiv der Republik, Karton 49). Wien, bisher noch von Luftangriffen verschont geblieben, sollte sich auf Eventualitäten vorbereiten.

Nach der Kapitulation der deutsch/italienischen Truppen in Afrika (1943) errichteten die Alliierten eine zweite Luftfront gegen Deutschland. Die bis dahin als sichere geltenden Luftschutzkeller der Alpen– und Donaugaue kamen ins Visier der US-Bombenschützen. Die meisten in Wien errichteten Bunker waren bezugsfertig, ehe noch die ersten Angriffe auf Wien erfolgten.

Anatomie der Betonbunker

Bauwerke aus der NS-Zeit, dazu zählen auch die Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, gehören inzwischen auch zum Aufgabenfeld der „Archäologie des 21. Jahrhunderts“. Als Historiker und Archäologe bemühe ich mich schon seit Jahren die Schutzbauwerke aus dem Zweiten Weltkrieg als Sachzeugnisse einer Epoche der jüngeren Geschichte zu dokumentiert. Mit der Erforschung derselben können sowohl Einblicke in Bereiche der Technikgeschichte als auch in die Entwicklung von Festungsbauwerken verfolgt werden.

Als im Jahre 1996 im Zuge eines Umbaues des Bankgebäudes CA in der Nordbergstraße der ehemalige, vergessene Bahnhofsbunker beim Franz Josefs Bahnhof angeschnitten wurde, konnte ich die Anlage in Augenschein nehmen. Die festen Betonmauern des Tiefbunkers wurden zusehends für ein darüber neu zu errichtendes Bürogebäudes teilweise zerschnitten. Der Torso des Weltkriegsveteranen sollte als Fundament eines Erweiterungsbauwerkes der Bank adaptiert werden. Dazu wurden auch an der freigelegten Bunkerdecke faustgroße Bohrkerne in den Betonverband gebohrt.

Mit Industriediamanten besetzten und wassergekühlten Schneidemaschinen rückten die Baumaschinen heran, um die Außenhülle des Bunkers zu knacken. Die eingesetzte Baufirma hatte kein vorderdringliches Interesse an der Dokumentation des Bunkers. Vielmehr ging es darum, die Adaptierung zügig voranzutreiben, da der Umbau auch mit Kosten verbunden ist. Der Bunker zeigte sich aber Widerstandsfähig. Mehrmals riß die Kette was zu Verzögerungen führte. In die stahlarmierte Decke des massiven Bahnhofbunkers wurden Löcher gebohrt. Das neu aufzusetzende Gebäude sollte in den stabilen Betonverband verankert werden. Nach und nach verlor der zähe Betonblock nicht nur seine Formgebung, sondern auch an historische Bedeutung. Ebenso wurde die Rolle des Bunkers in der Geschichte zusehends zerstört.

Bei meiner Inspektion ins Innere bemerkte ich die an der Decke noch befindlichen Belüftungsrohre. Ein paar Überdruckventile und Luftklappen waren noch eingebaut. In den beiden ehemaligen Maschinenräumen waren noch einige verrostete Schaltkästen verblieben samt den feuerfesten Heraklitplatten. In den Aborten waren noch die Stellungen der Klomuscheln und der Spülkästen zu erkennen. Sonstige Einrichtungsgegenstände, wie Bänke, Lampen waren nicht mehr vorhanden. Einige Stromleitungen waren noch „in situ“. Teilweise waren die Kammern noch trocken, in einigen Räumen stand jedoch schuhtief das Wasser. Die hölzernen Türrahmen waren noch weitgehend vorhanden, die Türen zu den kleinen Kammern nicht mehr. Über einigen Türen waren hingegen noch die ehemaligen Raumnummern zu lesen. Weitere greifbare Artefakte waren 1996 nicht mehr vorhanden.

Luftschutzbunker waren nach dem Stand der damaligen Technik und den Erfahrungen des damaligen Bombenkrieges (Stand 1940-1942) robust gebaut und zweckentsprechend eingerichtet. Es war zu erwarten, dass die Bunker der zerstörerischen Gewalt der abgeworfenen Sprengbomben statthalten konnten. In der Regel warfen die Amerikaner über Wien die genormten 250 – 500 kg Bomben ab.

Im Verlauf des Krieges waren beim Bunkerbau verschiedene Bewehrungsmuster (Gitterraum-, Spiral- und Rundbewehrung) in Verwendung. Ab 1942 wurde deutschlandweit eine weitere kostengünstigere und verbessere Bewehrung zwingend vorgeschrieben. Durch eine optimale Verlegung der Matten bei der „Braunschweiger-Bewehrung“ sollte eine Abplatzung an der Raumdecke vermieden werden. Baustoffmangel behinderte in großem Maße den Fortgang des Bunkerbauprogramms. Vorübergehend wurden Baustopps eingeleitet, da die Kriegsmaschinerie und deren Produktion Priorität erhalten hatte. Die Bahnhofsbunker unterstanden der Reichsbahn, sodaß letztendlich der Bunker beim Franz Josefs Bahnhof zügig vollendet werden sollte.

Die Bahnhofsbunker, wie auch die öffentlichen Luftschutzbunker in den Parkanlagen, hatten in der Regel zwei Maschinenräume, Aborte und Waschräume; waren autark mit einem Notstromaggregat ausgerüstet. Bahnhofsbunker gab es auch am Westbahnhof, am Süd- und Ostbahnhof, die ebenso schon alle verschwunden bzw. abgerissen sind.

Selbstverständlich sollten die öffentlichen Schutzbauten auch gegen abgeworfene Gasbomben (Kampfstoffe) geschützt sein, und so waren in den Maschinenräumen an den leistungsstarken Belüftungsanlagen, den Schutzraumbelüfter (elektrisch und bei Stromausfall per Handkurbel), Gas-Filter angebaut. Ein konstanter Überdruck im gesamten Bunker sollte das Eindringen von Kampfstoffen verhindern. Die Eingangsbereiche (Gasschleusen) waren durch druck- und gasdichte Stahltüren gesichert. Im angeschnitten Bahnhofsbunker beim Franz Josefs Bahnhof waren diese jedoch 1996 nicht mehr vorhanden. Der Bunker dürfte in den  Nachkriegsjahren schon weitgehend entkernt und im Zuge dessen diverse Maschinen entsorgt worden sein. Es sah aus, als ob der Bunker nach dem Krieg teilweise anderweitig (Lagerräume ?) verwendet worden war. So waren nichttragende Zwischenwände schon entfernt gewesen. Nachkriegsaufschriften verrieten, dass in einem Teil des alten Bunkers ein Schießstand (mit 5 Ständen) eingerichtet gewesen war. (An einer Wand war die Aufschrift „Stand 5 bitte für Linksschützen frei zuhalten!“)

Während des Kriegs waren in diesem Bunker offensichtlich obligatorischen Ordnungs- und Hinweisaufschriften angebracht, wie etwa „Rauchen Verboten“ oder „Ruhe bewahren“, die jedoch 1996 nicht mehr zu finden waren.  Auch waren die typischen phosphoreszierende Leuchtstreifen an den Wänden, die bei Stromausfall Orientierungsmöglichkeiten boten sollten, nicht mehr festzustellen. Eine genaue Dokumentation der Anlage war aufgrund der zügigen Umbauarbeiten im Jahre 1996 leider nicht möglich.

1996 war der Zugang zu diesem ausgeschlachteten Bunker durch einen nachträglich eingeschnittenen Durchschnitt in der Seitenwand. Der ehemalige Treppenzugang in den Bunker bzw. in die Bahnhofshalle (?) war abgemauert.

Primär Schutzbauwerk

Im Zuge der Recherchen ist auch die Frage interessant, was die Nationalsozialisten nach dem „Endsieg“ eventuell generell mit den verbliebenen Luftschutzbunkeranlagen vorgehabt hätten. Diese wären doch nach dem Bombenkrieg im „tausendjährigen Reich“ als Rolle von Schutzbauwerken obsolet geworden!  In zeitgenössischen Berichten wird über eine „friedensmässige“ Nachnutzung nachgedacht. Besonders an „Brennpunkten des Verkehrs“ („Baulicher Luftschutz“, 7. Jg. 1943, Seite 88), wird „für den Frieden in Aussicht genommen“ die nutzlos gewordenen Luftschutzbunker zu Garagen umzubauen. (Anm.: Der ehemalige Tiefbunker hinter dem Rathaus, Friedrich Schmid Platz, wird übrigens heute als Garage für die Bediensteten der Stadt Wien genutzt. Unmittelbar nach dem Krieg dienten die beiden Bahnhofsbunker am Süd- bzw. Ostbahnhof als Notunterkünfte für Obdachlose und als provisorisches Hotel für Reisende.)

Wien erlebte während des Zweiten Weltkrieges insgesamt 53 Bombenangriffe. Die rechtzeitig erbauten Schutzbunker erfüllten ihren Zweck, da sie 1944/45 tausenden Menschen Schutz boten. Sie waren Rettungsinseln in einem entfesselten Bombenkrieg. Die Menschen die sich beim Aufheulen der Luftschutzsirenen in diese Räume drängten waren zumindest froh, trotz der prekären Lage, sich wo unterzustellen und der Dinge auszuharren.

Die vielen Luftschutzbunker blieben oft die einzigen Alternativen zum Überleben im Bombenkrieg. Viele Personen hatten ihren obligatorischen „Luftschutzkoffer“ (mit den wichtigsten Dokumenten und Notrationen) mitgenommen. Zugreisende versuchten mit ihren Koffern in die Bunker zu gelangen. Sperrige Gepäckstücke durften aber nicht mitgenommen werden. Jeder war oft selbst auf sich allein gestellt. Verschreckte Kinder klammerten sich an den Rockzipfel der Mütter. Wehrpflichtige Soldaten oder Jugendliche, die sich in die Bunker verirrten, wurden vom Bunkerpersonal argwöhnisch beobachtet. Diese sollten doch an der Front kämpfen, als sich hier in Sicherheit zu wiegen. In den überfüllten öffentlichen Schutzräumen hatte die zusammengewürfelte Bevölkerung mehrere psychische und physische Leiden zu durchstehen. Zeitzeugen erinnern sich oft mit Schaudern an die damaligen Bunkeraufenthalte.

Der alte Luftschutzbunker beim Franz Josefs Bahnhof, mag er noch heute in Rudimenten vorhanden sein, ist ein Zeugnis der Stadtgeschichte Wiens!

ZUM AUTOR

Marcello La Speranza

Jahrgang 1964, Mag. Dr., Historiker und Archäologe, Autor mehrerer zeithistorischer Bücher mit Forschungsschwerpunkt Festungsbauwerke und Militärgeschichte, Auftritte in verschiedenen Medien: ORF, Puls TV, Arte, wien.at und Radiosendungen, Mitarbeiter und Kurator zu historischen Ausstellungen, Aufsätze und Fundbeschreibungen der neuzeitlichen „Militaria“ für die „Stadtarchäologie  Wien“ und „Denkmalamt“.

Kontaktadresse: [email protected]

Homepage: www.marcellolasperanza.at

Youtube: Marcello La Speranza (hier mehrere Kurzfilme zu Forschungsexpeditionen)